INTERVIEW: Leitkultur ist polarisierend - Deutschland, Ethik, Religion und alte Werte
Agnieszka Krzeminska zum Kulturprojekt LOMU (www.lomu.net) und zum konservativen Basistrend in Deutschland.Dienstag, 27.11.2007, mittags im Café "Die Herren Simpel" im Hamburger Schanzenviertel: Ich bin mit Agnieszka Krzeminska zum Interview verabredet. Sie ist Initiatorin des Kulturprojektes LOMU (www.lomu.net). LOMU gab neulich ein gemeinschaftliches Kunst-Event zum Thema "Deutsche Leitkultur". Das fand ich interessant und als Interviewthema wichtig und passend zum Basistrend in Deutschland wie auch globalen Strömungen.
Zumal es im "Übel & Gefährlich" stattfand, einer absoluten Szene-Location. Der Veranstaltungsraum war mit Rokoko-inspirierten antiken Gartenmöbeln aus Metall und dazu passenden Sesseln und Sofas eingerichtet - schön klassisch mal wieder ;-) Fotos hierzu folgen.
Agnieszka ist beruflich im Bereich Projektmanagement für Internet und Events tätig sowie in der Trendforschung. Ihre Website: www.goldenezeiten.org
Im Café "Die Herren Simpel" treffe ich gleich am Nachbartisch zwei alte Bekannte, Illya und Burkhart (im Gespräch zum neuen lokalthematischen Magazin "Makrele"). Illya mit Bart, Hut, Weste, kariertem Hemd und heller Kordhose, Burkhart im legèren Anzug, ich in Tweed-Sacco, Sportweste und Mantel und Agnieszka in Mantel, Strickmütze und Strickjacke mit kleinen floralen Mustern. Nein, wir vier haben uns nicht verabredet - aber der Stil tendiert ins klassische.
Illya und Burkhart sind neugierig. Bevor es zum Interview kommt, geht das Vierergespräch bereits um Werte, Leitkultur, Megastars, Afrika und die (so Illya) hochkonservative Skater-Kultur. Sein Kleidungsstil - Skaterstil - erscheint nahezu als ein Zitat des Arbeiterstils der 1920er Jahre. Dieser Stil wird derzeit mutmaßlich vermehrt von der deutschen Kunstszene adaptiert. Fehlt nur noch der Preppy-Stil...
Nun also zum Interview. Agnieska und ich kommen ins Gespräch.
Matthias (trendquest/TQ):
Wie lange kennen wir uns?
Agnieszka (AK): Seit ca. 4 Jahren über Projektwerk, damals aber eher anonym im Rahmen des Businesskontakte. Ja und dann seit ca. 1 Jahr über dein Frühstücksnetzwerk breakfastpark.de
TQ: Was machst du grade?
AK: Ich arbeite als Projektmanagerin für Internet, Events und in der Trendforschung.
Außerdem bin ich Initiatorin des Kunstprojektes LOMU.
TQ: Was ist LOMU?
AK: LOMU ist Aktionsbetrieb zur Wärmebehandlung von Theorien und Utopien, Defiziten und Gretchenfragen. Unsere Themen sind Soziales, Futurismus ...oder sagen wir besser: Technologie, Gesellschaft, Politik und Kunst.
TQ: Aha. Was bedeutet das für dich?
AK: Ich könnte den Begriff "LOMU" kurz erklären...
TQ: Ok. Gerne.
AK: LOMU ist ein Akronym für Local Organised MUltitude. Dabei bezieht sich der Begriff "Multitude" auf ein Buch von Michael Hard und Antonio Negri (Google, perlentaucher, angelfire) und beschreibt ein Konzept einer aus Individuen bestehenden Bewegung zugunsten eines Gegengewichts zur bestehenden ökonomischen Weltordnung.
So ungefähr zumindest. Das Buch hat 600 Seiten...
Eine klare Definition geben die beiden auch nicht.
TQ: Wie kommst du auf dies Buch?
AK: Es wurde vor 2-3 Jahren massiv in den Feuilletons beschrieben und fiel auf als ein interessantes Konzept für eine bessere Welt.
TQ: Also das neue Utopia?
AK: Ja. Mit anderen Mitteln. Und in einem kleineren Kreis.
TQ: Warum im kleineren Kreis?
AK: Warum im kleineren Kreis? Zum einen, weil Bewegungen immer klein anfangen und sich konzentrisch ausbreiten und zum anderen ist es die Art, wie wir bei LOMU handeln... die Form der physischen Aktion - wie du das gesehen hast im "Übel & Gefährlich". Das geht nur im Kleinen Rahmen, weil jeder gefragt ist, mitzumachen. Es geht schon um Publikumsverwicklung, um Mitmachen, Diskutieren, Mitreden.
TQ: Macht ihr Kunst?
...oder macht ihr eine bessere Welt?
AK: Hm.
Wir machen Theorieaktionskunst.
TQ: Theorie? Das vorhin beschriebene?
AK: Wir haben 2 Reihen:
Die eine mit theoretischer Basis behandelt zum Beispiel Fragen zur Schwarm-Intelligenz. Oder das Thema "Wahlforschung", demnächst in der Kampnagelfabrik. Eigentlich heißt der Abend dort "Partei nehmen". Das ist dann eher Praxis als Laborbedingung im Rahmen von Aktionsabenden.
Ja, und Aktion deswegen, weil es darum geht, das gemeinsam mit dem Publikum in Aktion durchzuführen. Explorativ, experimentell und gemeinschaftsfördernd.
Grundlage ist der Wille, zu zeigen und zu erleben, dass man etwas erkennen und bewegen kann. Und zwar nicht nur auf rationalem Wege sondern auch auf dem spielerischen.
TQ: Ok, und was ist die 2. Reihe?
AK: Und die 2. Reihe beginnt immer mit dem Worten "Let's..."
Also so, wie du es neulich erlebt hast: "Lets Memory".
Mehr Freestyle als Analyse - aber mit den Themen des aktuellen Zeitgeschehens wie zum Beispiel dem Thema "Deutsche Leitkultur".
TQ: Warum grade "Memory"?
AK: Ach das war eine Idee. (lächelt)
Es ist einfach die beste Form, sich spielerisch mit Leitkultur-Gesichtern zu umgeben, eine einfache Form, sich die einzuprägen und spielerisch damit umzugehen.
TQ: Du hättest ja auch Scrabble nehmen können ;-)
AK: Scrabble? Hm.
Hmja... aber ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.
Das visuelle ist der Erlebensfaktor und funktioniert mit einer größeren Gruppe besser.
TQ: Hätte es denn noch andere Möglichkeiten gegeben, anstatt mit Memory zu arbeiten?
AK: Ja, man hätte sich innerhalb eines gemeinsamen Vorbereitungs-Abends ein eigenes Spiel ausdenken können...
TQ: Ich finde es interessant, dass ihr deutsche Leitkultur als Thema nehmt und das Ganze mit einem deutschen klassischen "Leitspiel" umsetzt.
AK: Memory ist doch vom Namen her eher angloamerikanisch.
TQ: Aber du kennst es aus deiner Kindheit. Das Spiel gibts auch schon recht lang (Ich habe nachgeschaut: Memory und ähnliches in Europa seit dem 19. Jhdt. lt. wikipedia.org).
AK: Leitkultur ist polarisierend.
Die Begründung der Regierung: Man müsse die Immigranten zu den deutschen Werten hinholen. Sie damit impfen.
Für die anderen ist es eine berechtigte Erinnerung an deutsche Werte, auf die sie stolz sind.
Wir fanden die Begründung der deutschen Bundesregierung komisch.
TQ: Bist du stolz auf deutsche Werte?
AK: Nein. Nein, ich bin eher... ich wollte das Thema kritisch ansprechen.
Mit Fragen, ob man eine Leitkultur braucht. Ob es absolute Werte gibt. Also eher da etwas anstoßen. Rauszukriegen, was in den Köpfen der Menschen ist, wie sie dazu stehen.
TQ: Wie steht du zur deutschen Leitkultur?
AK: Ich finde sie mit dem erklärten Ziel, die Immigration zu erleichtern, überflüssig. Eher sollte man dafür sorgen, dass die Immigranten die Sprache beherrschen können, dass sie Zugang zum Lernen der deutschen Sprache haben.
Und die Werte sind in unserer Multikultigesellschaft sehr variabel und verändern sich schnell.
Auch aus der Sicht, dass ich keine Deutsche bin.
In meinem persönlichen Umfeld denken aber die meisten Leute so. Aber trotzdem gibt es für mich herausragende deutsche Persönlichkeiten wie zum Beispiel Hannah Ahrendt, Romy Schneider oder Karl Jaspers, deren Bedeutung meins Erachtens weit über die Grenzen des Schaffens eines Konrad Adenauer reichen und in denen sich für mich dadurch die globale Denkart unserer Zeit sich widerspiegelt.
TQ: Du sprichst von Werten, die sich in der Multikultigesellschaft verändern.
Welche Werte ändern sich?
AK: Das Essen. Die Musik. Die deutsche Disziplin, wie zum Beispiel beim deutschen Fußball - hat meines Erachtens nicht mehr diese... (überlegt) der deutsche Fußballsport glänzt nicht mehr duch den alten deutschen Wert "Disziplin" sondern mehr durch Flexibilität und Eleganz, Werte die man bis dato nicht hatte.
Dann denke ich, der typische deutsche Fleiß ist aufgeweicht, hat sich an den Weltdurchschnitt angepasst.
TQ: Da ist ein Teil der Immigranten der 2. und 3. Generation wesentlich spießiger als die Deutschen... Sie legen Wert auf Disziplin, auf die alten Werte, oder?
AK: Hmhmm. Ich denke, dass die wesentlich konservativer und geschlossener sind und ein spießigeres Bild abgeben als die ehemals so angesehenen Deutschen. Soweit zumindest meine Erfahrung in Wilhelmsburg.
Ich habe dort an einem Kunstprojekt mitgemacht, "Die Kirche des Guten Willens", dafür ein dreiwöchiges Programm gestaltet: "Religion und Gut sein".
Eines der Ziele des Projekts war es, in Kontakt zu treten mit der lokalen Bevölkerung, die hauptsächlich in ihren örtlichen Kulturvereinen und Religionsgemeinden organisiert ist. Die Menschen dort haben dabei keinerlei Kulturangebote von der Stadt oder private Initiativen, wie wir sie hier in der Innenstadt und Szenevierteln kennen. Also in Wilhelmsburg gibt es dort nichts.
Die Erfahrung war, wenn Wilhelmsburger kamen, dann waren Ex-St.-Paulianer.
Die lokale Bevölkerung hat sich nicht angesprochen gefühlt oder hat das Projekt nicht verstanden - um zu einem Austausch dazuzukommen.
TQ: Warum haben die das nicht verstanden?
AK: Die Kirche war eine Holzhütte. Ein Ort, den man begehen konnte. Extra von einem Künstler dafür gebaut.
Offenbar war das... die sind nicht auf die Idee gekommen, so einfach mal zu fragen. Sie haben das offenbar nicht so gesehen, als könnten sie in einen ihnen fremden Raum gehen.
Oder sie hatten schlicht keine Lust dazu.
TQ: Ist das nicht logisch, wenn wir sehen, dass wir grade über die Konservativität der Immigranten-Generationen sprachen?
War das eher etwas für die Deutschen? So dass die Immigranten vielleicht dachten: Kunstprojekt? Gehe ich nicht hin. Szenig-Christlich? Gehe ich auch nicht hin.
Habt ihr das mit denen zusammen gemacht oder organisiert?
AK: Nein. Vielleicht war da die Kommunikation nicht ausreichend.
TQ: Warum habt ihr nicht Musik, Literatur, Sport und Freizeitaktivitäten gewählt sondern Religion?
AK: Das war schon für die Wilhelmsburger angedacht, die in 40 verschiedenen Nationen leben, die in verschiedenen Religions-Gemeinden organisiert sind. Da schien uns Religion als der richtige Zugang.
TQ: Christen aller Religionsart, Muslime, ... unterschiedliche Religionen, aha.
Gibt es eine Renaissance der Religionen?
AK: Es gibt eine Renaissance der Sinnsuche. Für die einen findet sie statt in neuen Religionen, für die anderen in der Familie und für die anderen im Wellnessbereich.
TQ: Ich finde es interessant, dass ihr zwar ein global übergreifendes Thema genommen habt, das aber andererseits global sehr viele Leute trennt - um ein geeinschaftsstiftendes Projekt zu organisieren.
War dieses Projekt auch eine Art Sinnsuche für euch bzw diejenigen, die das initiiert haben? - was ok ist. Ich habe nur das Gefühl, dass ebenfalls die "gottlosen" Deutschen den Weg zurück zur Religion suchen bzw finden. Das erscheint mir ein eigener Grund, der hier eine kleine Rolle spielte...
AK: Die Entscheidung war eine Mischung aus Zeitgeist und Pragmatismus.
Die Strömungen der neuen Sinnsuche bzw Religiösität gepaart mit dem uns als einfach erscheinenden Zugang zu den Menschen in Wilhelmsburg zu finden.
TQ: Ok. Dann lassen wir das mal so stehen
AK: Diese Leitkulturfrage vorhin fällt mir grade ein. Als ich die Einladungen per Email geschickt hatte, schrieb mir ein Freund zurück und fand unsere polemische Formulierung zum Kotzen, weil für ihn das Thema "Deutsche Leitkultur" und "Stolz, deutsch zu sein", ein sehr wichtiges war. Da gibt es schon einige, denen das sehr wichtig ist.
Und mit ihm habe ich mehrmals die Diskussion zum Eva-Herman-Thema geführt. Oder eher er mit mir, weil es ihn amüsiert, wieviele Frauen sich darüber aufregen.
Für mich ist das Thema "Werte" eher ein Erkenntnisthema. Es gehört für andere viel dazu, deutsch zu sein und stolz darauf zu sein. Für einige aus meinem Umfeld gehört es dazu, stolz darauf zu sein, deutsch zu sein.
So gesehen ist LOMU eine Plattform für unterschiedlichste Menschen und Zugänge zu einem Thema.
Dieser Mensch ist weit davon entfernt, ein Neonazi zu sein, er ist aber ein Mensch, der das Deutsche zelebriert. Da gibt es auch eine Website dazu, ein Weblog, in dem er darüber schreibt.
TQ: Wie heisst das Weblog?
AK: www.djdeutschland.eu
Meine Gegenfrage an dich: Wie stehst du denn zur Leitkultur?
TQ: Ich denke, dass diese Identitätsfindung der Deutschen Sinn macht. Denn nur, wer sich kennt, kann objektiv auf andere zugehen. Im Rahmen der Geschichtsaufarbeitung nach dem 3. Reich und den Nazis sind viele Dinge nur unter Vorbehalt diskutiert worden, weil es lange so war, dass das Wiederentdecken deutscher Werte leicht fehlinterpretiert wurde mit nationalistischen Absichten. Dabei geht es eher um das Thema "Du selbst als Volk, Identität, Gruppe, Bürger und Mensch".
AK: Aha, das ist interessant.
Das ist auch eine Frage aus unserem Fragebogen in Zusammenhang mit der letzten LOMU-Umfrage. Da dann speziell zur deutschen Leitkultur.
Wir machen diese Fragebögen immer, zu allen LOMUs.
TQ: Wer hat die Auswahl beim Memory getroffen?
AK: Die LOMU-Gruppe.
TQ: Habt ihr irgendjemanden mit Absicht nicht genommen?
AK: Heidegger wegen seiner umstrittenen Bekenntnis zum Nazi-Regime. Der war aber wegen seines philosophischen Könnens in der Diskussion.
Zu junge Leute haben wir auch nicht genommen, wie zum Beispiel die neue Torschützen-Weltmeisterin (Birgit Prinz - de.wikipedia.org/wiki/Birgit_Prinz).
TQ: Warum?
AK: Zu junge Menschen haben sich noch nicht bewährt.
TQ: Muss man sich in Deutschland bewähren, bevor man sich äußern darf?
AK: Nein, es ging aber um Deutsche Leitkulturisten. Nicht nur durch fachliche sondern auch durch soziale Werte, gutes Leben, duch humanistische ethische Werte, die sie in ihrem Leben transportiert haben. Das heißt, wie ein Mensch lebt, ist für mich genauso wichtig, wie das, was er tut.
TQ: Liebe Agnieszka,
vielen Dank für dieses Interview.

Kommentare
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"Deutsche Türken Schwule Schweizer - geschwisterlich mit Herz!" Insofern ist Djdeutschland.EU eine Leitfigur für mich Schwule Deutsche Klosterfrau.
Und weil ihr das Thema angesprochen habt: Religionen wirken Kultur stiftend.
Jüngstes Beispiel Esskultur oder St. Nikolaus, der sogar das Etikett amerikanischer Brause inspiriert hat.
Heinrich Böll soll gesagt haben: "Aber im Grunde interessieren mich als Autor nur zwei Themen: die Liebe und die Religion. Für beide Themen ist im innerdeutschen Katholizismus kein Platz."
Ich würde jedem, der unsere Sprache und Werte (kennen)lernen möchte empfehlen, "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" zu lesen. Auch Kästners "Fabian" oder was von Ödon von Horvath, etwas über "den ewigen Spießer" und Mitläufer in uns Preußen und der Gesellschaft, aber auch über die Hyänen und Opfer darin.
Werte werden in Frage gestellt, ihr Vorhandensein bezweifelt, und sind schließlich notwendig, um die Mitläuferschaft zu überwinden.
Die europäische Kultur, die Demokratie, das Christentum gründen auf wesentlicheren Werten als Pünktlichkeit und Ordnung. Toleranz und Freiheit beispielsweise und eben auch auf Liebe.
Der Begriff Leitkultur klingt nicht nur komisch, er ist völlig unsinnig (und Unwort 2000). Eine Anleitung zu deutscher Kultur: "Ich treff' ein deutsches Schwein und hau's mir gleich rein. Mit Grünkohl und mit Speck und Wurst muss es sein. Ich hol' die Gabel raus und steche gleich rein, ins deutsche Schwein - deutsches Schwein, deutsches Schwein." Was sagen die deutschen Muslime denn dazu? Oder die Veganer?
Die Chinesen nennen Deutschland das tugendhafte Land, das schmeichelt mir persönlich und fordert gleichzeitig dazu heraus dem gerecht zu werden.
Lena
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